Byzantinische Mode der Spätantike

Kaiserin Theodora und ihr Hofstaat, Ravenna, San Vitale. Kopie, Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz. Foto: Nina Möller
Kaiserin Theodora und ihr Hofstaat, Ravenna, San Vitale. Kopie, Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz. Foto: Nina Möller

Die Spätantike war eine Zeit des Umbruchs, aber auch immer wieder der Stabilität und Blüte. Während das weströmische Reich im 5. Jahrhundert unterging, überdauerte das oströmische Reich um die Hauptstadt Konstantinopel bis zum 29. Mai 1453, als es von den Osmanen unter Mehmed II. (daher Mehmed der Eroberer genannt) unterworfen wurde.

Unter Kaiser Justinian (483 - 565 n. Chr.), einem der bekanntesten Herrscher, erlebte das Reich ein Aufleben alter Ausdehnung und künstlerischer Fülle. Für seine zahlreichen Prunkbauten leerte Justinian beinahe die Staatskasse, jedoch verdanken wir ihm Bauwerke wie die Hagia Sophia.

Diptychon des Heermeisters Stilicho, Oberitalien, ca. 440. Kopie, RGZM. Foto von Nina Möller - byzantinische Mode Kleidung
Diptychon des Heermeisters Stilicho, Oberitalien, ca. 440. Kopie, RGZM. Foto von Nina Möller

Die Kleidung der Spätantike und der byzantinischen Zeit war noch von der Antike beeinflusst. Frauen trugen lange Kleider, die als T-förmige, lose Tunika geschnitten waren. Unter der Brust oder in der Taille konnte diese gegürtet werden. Die Kleidung war häufig mehrlagig: über einem Unterkleid, der tunica interior, trug man eine lange Dalmatik und darüber einen Schal, Mantel oder ein Überkleid. Mäntel schloss man mit Fibeln, bei Hofe waren diese aus Gold und mit wertvollen Edelsteinen und Perlen besetzt. Häufig waren die Rock- und Handgelenkssäume der Kleider bestickt. Das Material reichte von Wollstoffen oder groben Leinen einfacher Leute zu prächtigen Seidenstoffen mit Goldstickerei am Kaiserhof. Die Mosaiken in San Vitale, Ravenna, vermitteln einen Eindruck des reichen Hofes und zeigen die Kleidung der Kaiserin Theodora und ihrer Hofdamen detailliert.

 

Diese Verso-Seite des Diptychons des Heermeisters Stilicho aus dem fünften Jahrhundert zeigt seine Ehefrau Serena. Sie trägt eine gegürtete Dalmatik (T-förmig geschnittene lockere Tunika mit kurzen Ärmeln) über einer langärmligen tunica interior. Darüber hat sie eine lange Palla gelegt. Das Diptychon aus Oberitalien von ca. 440 stammt zwar aus dem weströmischen Teil, doch die Kleidung entspricht der im Byzantinischen Reich.

 

 

Detail: Silberteller aus dem Schatzfund von Lampousa/Zypern, 1. Drittel d. 7. Jh. Kopie, Römisch-Germanisches Nationalmuseum Mainz. Foto: Nina Möller - Mode byzantinische Spätantike
Detail: Silberteller aus dem Schatzfund von Lampousa/Zypern, 1. Drittel d. 7. Jh. Kopie, Römisch-Germanisches Nationalmuseum Mainz. Foto: Nina Möller

Im sechsten Jahrhundert, unter Justinian I., gelang es, in Konstantinopel eine eigene Seidenproduktion aufzubauen: dafür schmuggelte man der Legende nach Seidenraupen und Maulbeerpflanzen aus China. Schnell stieg das Reich zum führenden Seidenproduzenten für Westeuropa auf und hielt dieses Monopol bis ins 12./13. Jahrhundert. Die hohe Qualität und die aufwendigen Muster der Seidenstoffe, wie bei Theodoras Hofdamen zu sehen, machten sie überall begehrt. Deshalb unterstand die Industrie der kaiserlichen Kontrolle und die Stätten waren nahe dem Kaiserpalast angesiedelt. Seide erhielt mit der Zeit eine enorme Symbolkraft und fungierte gleichsam als Markenzeichen des Byzantinischen Reiches - sie kam als Gastgeschenk, aber auch als Zahlungsmittel bei Friedensverträgen oder im Austausch gegen Gefangene zum Einsatz. Die Ausfuhr war beschränkt, was sie in Westeuropa umso kostbarer machte.

 

Das beste reinweiße Leinen kam traditionell aus Ägypten, doch betrieb auch Konstantinopel den Anbau von Flax. Um es zu veredeln, konnte das Gewebe mit Goldfäden durchwirkt werden, was den Stoff jedoch viel schwerer und dadurch unangenehmer zu tragen machte.

 

 

Rekto-Seite eines Diptychons, 6. Jahrhundert, Elfenbein, Kaiserin Ariadne (?). Bargello, Florenz. Foto: Nina Möller
Rekto-Seite eines Diptychons, 6. Jahrhundert, Elfenbein, Kaiserin Ariadne (?). Bargello, Florenz. Foto: Nina Möller

Kaiserliche Kleidung:

 

Während die Materialien und deren Verzierung mit Stickerei, Perlen und Edelsteinen an Pracht über die Jahrhunderte zunahmen, blieben die Grundschnitte des kaiserlichen Ornats geometrisch schlicht - die T-förmige Tunika, darüber ein kreisförmiger oder rechteckiger Umhang.

 

Wichtiger Bestandteil ist beim Herrscher wie seiner Frau der Loros. Diese Stola, besetzt mit Edelsteinen, war mehrere Meter lang und wurde X-förmig um den Körper gewickelt und das Ende über den linken Arm drapiert, sodass das Erscheinungsbild an das Christusmonogramm "XP" erinnert. Frauen trugen den schweren Loros manchmal gegürtet, um das Gewicht mit auf die Hüften zu verteilen, ähnlich wie bei Trekking-Rucksäcken heute.

 

Der breite Kragen, als Superhumerale oder Maniakis bezeichnet, ebenfalls mit Edelsteinen verziert und golddurchwirkt, ist ein weiteres markantes Gewandelement. Er ist aus Stoff gefertigt oder besteht aus verbundenen Gliedern aus Edelmetall und mit bis zu drei Reihen großer Perlen gesäumt. Zusätzlich kann er mit hängenden tropfenförmigen Perlen, Pendilien, geschmückt sein.

Der  purpurfarbene, an der rechten Schulter zusammengehaltene knöchellange Umhang, Paludamentum bzw. Chlamys, ein ist ebenfalls Erkennungszeichen des Kaiserpaares. Außer der Kaiserin, deren Ornat dem des Kaisers entlehnt war, trugen Frauen in byzantinischer Zeit jedoch keine Umhänge.

Purpur, die Farbe der Kaiser, war extrem wertvoll, da zehntausende Purpurschnecken für die Farbstoffmenge für ein einzelnes Kleidungsstück benötigt wurden. So blieb der echte Purpur der imperialen Familie vorbehalten. Der Titel "porphyrogennetos" bzw. "porphyrogenneta" für die Söhne und Töchter des Kaisers ("in Purpur geboren") versinnbildlicht den Status der Farbe als Symbol für die Macht. Aufgrund des Ursprungs des Farbstoffs konnten die gefärbten Gewänder jedoch unangenehm riechen.

Zusätzlich ist die Chlamys mit dem Tablion verziert, einem rechteckigen bzw. rautenförmigen Einsatz aus reichem Stoff auf Brust-/Taillenhöhe. Dieses Würdenzeichen wurde auch von hochstehenden Mitgliedern des Hofes getragen.

Die Darstellungen der Kaiser und ihrer Frauen zeigen praktisch immer diese zeremonielle Kleidung, doch wurde sie tatsächlich nur zu wenigen Anlässen im Jahr getragen. 

 

Der Nachhall der Pracht des Byzantinischen Reichs ist so groß, dass sie heute noch Einfluss auf die Mode nimmt: Karl Lagerfeld entwarf 2011 eine byzantinische Frühlingskollektion für Chanel und Dolce & Gabbana schwelgte im Herbst/Winter 2014 ebenfalls in der Mode und Kunst des oströmischen Hofs.

 

 

Marmorbüste der Kaiserin Theodora aus Mailand, um 530/40. Kopie, RGZM. Foto: Nina Möller
Marmorbüste der Kaiserin Theodora aus Mailand, um 530/40. Kopie, RGZM. Foto: Nina Möller

Haare:

 

Viele Frauen, besonders unverheiratete, trugen das Haar mit Haarnadeln aus Knochen, Edelmetall oder Schildpatt hochgesteckt und mit einem langen Schleier bedeckt.

Im sechsten Jahrhundert trugen hochstehende adlige Damen eine turbanartige Kopfbedeckung, die ringförmig am Gesicht anlag. Dieser Kopfputz bestand aus einer ausgestopften Stoffrolle bzw. -haube in rot, braun oder schwarz und verbarg das Haar und die Ohren vollständig. Sie konnte mit Perlen und Edelsteinen verziert sein. Diese Art der Kopfbedeckung wird manchmal als Propoloma bezeichnet und könnte eine Variante davon sein, die "echte" Propoloma ist jedoch ein hoher Hut in Form eines gestürzten Trapezes.

 

Die Büste der Kaiserin Theodora und die Darstellung von Ariadne oben zeigen darauf sitzend noch eine kronenartige Kopfbedeckung, die von Perlen gesäumt ist und sich zu zwei Höckern erhob.

Die byzantinische Kaiserkrone, Kamalaukion oder Stemma, ist ein breites Reifendiadem mit der crux gemmata über der Stirn (ein Kreuz aus tropfenförmigen Perlen) und herabhängenden Pendilien -> s.o. Rekto-Seite des Diptychons aus Florenz.

 

Doppelkamm, Holz, Byzantinische Zeit, 4. - 7. Jh, Hessisches Landesmuseum, Darmstadt. Foto: Nina Möller - Mode Kleidung Byzanz
Doppelkamm, Holz, Byzantinische Zeit, 4. - 7. Jh, Hessisches Landesmuseum, Darmstadt. Foto: Nina Möller

Schmuck:

 

Besonders Goldschmuck war sehr verbreitet im Byzantinischen Reich. Gemugelte (zu einer Halbkugel abgeschliffene) Edelsteine wurden gefasst auf Schmuckstücke aufgesetzt, rundgeschliffene Steinperlen durchbohrt und mit Golddraht zu Ketten aufgefädelt. Lange Ohrringe mit Steinen und Perlen finden sich besonders in Darstellungen von Kaiserinnen und hochstehenden adligen Frauen. Auch Ohrhänger mit fein gearbeiteten "Körbchen" aus Goldfiligran waren bis ins zwölfte Jahrhundert beliebt.

Armschmuck war ebenfalls ein bedeutendes Element der Kleidung. Erhaltene Armreifen sind aus Golddraht und Filigran gearbeitet, mit Goldmünzen, Edelsteinen oder aus Gold getriebenen Tierfiguren oder großflächig mit Email geschmückt. Häufig sind die Schmuckschmücke mit émail cloisonné verziert, mit Zellenschmelzemaille, wofür das Byzantinische Reich berühmt war. Dabei werden dünne Stege aus Gold auf die Grundplatte aufgelötet, in die dann das Email gefüllt und alles gebrannt wird. Ein Beispiel sind die Armreifen in Manschettenform im Museum of Byzantine Culture in Thessaloniki (10. Jahrhundert).

 

Accessoires:

 

Da die fließenden, simpel geschnittenen Gewänder keine Taschen hatten, musste man benötigte Gegenstände und Geld in Beuteln und Taschen mitführen.

 

 

Schnittmuster:

 

Die meisten byzantinischen Kleidungsstücke basieren auf einfachen geometrischen Formen. Für die Tuniken eignet sich ein Rechteck. Länge: Schulter bis Füße + Nahtzugabe*, Breite: mind. 1,5x Hüftumfang (dass das Gewand lose fällt) + Nahtzugabe*. Die Ärmel können dann angesetzt werden, oder die Tunika wird gleich T-förmig zugeschnitten. 

 

*4cm an den Säumen, sonst 1,5cm


© Nina Möller