Mode im frühen 19. Jahrhundert

Detail: Josephine Bonaparte, 1805, Pierre Paul Prud'hon, Louvre.
Detail: Josephine Bonaparte, 1805, Pierre Paul Prud'hon, Louvre.

Die Französische Revolution fand von 1789 bis 1799 statt und brachte die lange Herrschaft der Bourbonen mit Ludwig XVI. und Marie Antoinette zu einem bitteren Ende. Die Bevölkerung lehnte sich gegen den Absolutismus des Ancien Régime und die damit einhergegangene staatliche Misswirtschaft auf und gleichzeitig auch gegen die Extravaganz und Verschwendungssucht des Adels. Hungersnöte, in Verbindung mit hohen Steuern und gestiegenen Lebenshaltungskosten, zusammen mit den neuen kulturellen Strömungen der Aufklärung brachten die Revolution ins Rollen. Die Mode des Klassizismus hatte bereits unter Ludwig XVI. begonnen, setzte sich zum Ende des 18. Jahrhunderts aber zum vorherrschenden Stil durch. Dieser Wandel der Mode zur schlichteren Empirelinie gefiel jedoch nicht allen Zeitgenossen. Die Schriftstellerin Caroline de la Motte-Fouqué (1737-1833) beispielsweise  lässt sich hierüber in ihrer 1829/30 als Serie publizierte Aufsatzfolge Geschichte der Moden 1785 - 1829 aus, die 1987 als ein Buch neu aufgelegt wurde.

Diese Epoche des Stils des Klassizismus trägt verschiedene Namen. Directoire und Empire in Frankreich, Regency oder georgianisches Zeitalter in England und geht in das deutsche Biedermeier über.  Die vorherrschende Empire-Silhouette, wie sie auch heute noch z.B. für Cocktail- und Hochzeitskleider beliebt ist, wird durch eine hohe Taillenlinie und einen langen, fließenden Rock definiert. Die Kleider konnten unter der Brust mit Bändern und Schärpen gebunden werden.

Empire / Directoire

Das Directoire bezeichnet die Herrschaftszeit des fünfköpfigen Direktoriums in Frankreich, von 1795 - 1799. Sein Ende ist auch das Ende der Französischen Revolution.

Die Epoche des Empire beschreibt die Zeit des ersten französischen Kaiserreichs von 1804 bis 1814 unter Napoleon I.

Modekupfer Dame in weißem Empirekleid mit Haube und Fächer

Regency / georgianisch

Von 1714 bis 1830 hießen alle englischen Könige Georg, weshalb diese Zeit die georgianische Ära (engl. Georgian Era) genannt wird. Alle waren Mitglieder des Hauses Hannover, welches bis 1837 regierte. Die Periode des Regency im Vereinigten Königreich ist die Zeitspanne von 1811 bis 1820, in der der Prinzregent und spätere König Georg IV. für seinen regierungsunfähigen Vater Georg III. regierte.

Modekupfer mit Dame in hellblauer Empire-Reitkleidung

Biedermeier

Das Biedermeier in Deutschland dauerte vom Wiener Kongress 1815 bis 1848 an und bezeichnet eine Epoche des Rückzugs ins Häusliche, ins friedliche private Idyll, weswegen das Biedermeier manchmal auch mit negativen Adjektiven wie konservativ, altbacken und etwas engstirnig - bieder eben - besetzt ist.

Modekupfer Dame in rostrotem Biedermeierkleid

Kleid des frühen 19. Jahrhunderts, MET Museum, Objekt-Nr. 2009.300.3328
Kleid des frühen 19. Jahrhunderts, MET Museum, Objekt-Nr. 2009.300.3328

Sieht man die Zeitspannen für die Köstümgeschichte, Kunst und das Kunsthandwerk weniger strikt, bezeichnen alle drei Namen - Empire, Regency und das Biedermeier - die selbe Epoche. Neben Napoleon und seiner Ehefrau Josephine (de Beauharnais) und Georg IV. lebten viele berühmte Persönlichkeiten im frühen 19. Jahrhundert: Madame Recamier, die Autorin Jane Austen, George Bryan "Beau" Brummel, Lady Emma Hamilton, Königin Luise von Preußen und viele weitere. Auch wenn Romane als Belletristik für das Studium der Zeitgeschichte generell mit Vorsicht zu genießen sind, so finden sich in Jane Austens Romanen doch sehr viele Hinweise auf die Mode und Gepflogenheiten ihrer Zeit, die sich auch mit ihren persönlichen Briefen decken. Die Bücher habe ich so oft gelesen, dass ich sie inzwischen fast auswendig mitsprechen kann, und ich werde im Verlauf dieses Artikels immer wieder darauf verweisen.   

 

Bevorzugt wurden im frühen 19. Jahrhundert in der gehobenen Damengesellschaft fließende Stoffe, so beispielsweise Leinen, Musselin, Baumwolle, Batist und Seidenstoffe. Diese hatten die nötige Leichtigkeit für die klassizistische Mode. Zahlreiche Kleider haben die Zeit seither überdauert und finden sich in Museen, so auch dieses weiße Kleid im St. Annen-Museum Lübeck. Es zeigt sehr gut die hohe Empiretaillenlinie auf und den Effekt des fließenden Stoffs. 

Musselin wurde ursprünglich aus Indien importiert, weswegen er kostspielig war. Doch seine große Beliebtheit bei der Bevölkerung führte dazu, dass er bald auch in Großbritannien hergestellt wurde. Sehr modisch waren zarte Pastelltöne wie Cremeweiß, Rosé, Hellblau und helles Grün, dies kann in Modemagazinen dieser Zeit beobachtet werden. Weiß war die beliebteste Farbe, sie stand (und steht) für Reinheit und Unschuld. Weiße Kleidung war wegen ihrer Fleckanfälligkeit auch ein Statussymbol. Nur wer nicht arbeiten musste konnte es sich leisten, so gekleidet zu sein. Man trug weiße Kleider sowohl für Anlässe wie Bälle, als auch zu Hause. In Jane Austens Mansfield Park sagt Edmund Bertram zu Fanny Price: „A woman can never be too fine while she is dressed all in white“, doch gilt dies vor allem für die wohlhabenden Bertrams und damit einhergehend auch für die Verwandte Fanny. Im selben Roman berichtet die Tante Mrs Norris davon, dass die Haushälterin der Mrs Rushworth zwei Hausmädchen entlassen hat, weil sie weiße Kleider trugen. Dies ziemte sich offensichtlich in der Klassengesellschaft Englands im 19. Jahrhundert für Hausmädchen nicht, da sie sich nicht den Sitten von hoherstehenden Damen annähern sollten. 

Dennoch finden sich auch kräftigere Töne, zum Beispiel Lila, Scharlachrot und Dunkelblau in den Modedrucken von Magazinen wie Costume Parisien oder Ackermann‘s Repository. Für weitere Details zur Farbigkeit der Mode im 19. Jahrhundert ist die Studie Biedermeierstoffe von Angela Völker (1996, Prestel) zu empfehlen. 

 

Im Laufe des Tages wurde die Kleidung mehrmals gewechselt. In den Romanen Jane Austens eilen Charaktere immer wieder von dannen, um sich fürs Diner oder die Promenade umzukleiden. Die vielfältigen Variationen der Garderobe sind beispielsweise in den Modedrucken der einschlägigen zeitgenössischen Publikationen wie La Belle AssembléeCostume Parisien, Ackermann's Repository of Arts, Journal des Luxus und der Moden oder der Wiener Modenzeitung zu beobachten.

 . Es gab verschiedene Kleidungsstücke für verschiedene Zwecke und Anlässe, wie beispielsweise:

  • informelle Hauskleidung wie das Morgenkostüm, aber auch das Ausgeh- und Promenadenkleid
  • semiformelle Kleider für den Nachmittag, das Abendessen und die Oper
  • und die gehobensten Kleider für Abendveranstaltungen und Bälle, sowie Kleidung für den königlichen Hof. Diese hatten meist eine Schleppe, zum Tanzen wurde sie hochgesteckt.

Außerdem gab es unter anderem

  • das Reitkostüm mit besonderem Schnitt, der die Beine beim Reiten im Damensattel bedeckte
  • Kleider für Kutschfahrten
  • See- und Badekleider
  • Trauerkleidung.

Dies belegen die Modedrucke aus zeitgenössischen Mode- und Kostümzeitschriften, hier zu sehen diverse Exemplare meiner persönlichen Sammlung antiker Modegrafik. 


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Regency Empire Ärmelvarianten, wie man sie Modekupferstichen der Zeit sehen kann (© Epochs of Fashion). Regency Empire Mode Puffärmel
Regency Empire Ärmelvarianten, wie man sie Modekupferstichen der Zeit sehen kann (© Epochs of Fashion)

Ein Kleidungsstück ohne Nähmaschine herzustellen war sehr viel Arbeit. Alles musste per Hand genäht werden. Für ein Kleid brauchte man mehrere Meter Stoff, je nach Rock- und Ärmelweite und gegebenenfalls vorhandene Schleppen. Im Gegensatz zu den ausgeschnittenen und kurzärmligen Abendroben waren Tageskleider hochgeschlossen und hatten lange Ärmel. Unter der Rubrik Schneiderei berichte ich über die Kleider des frühen 19. Jahrhunderts, die ich genäht habe. 

 

Einfachere Kleidungsstücke wurden oft daheim gefertigt, um die Kosten eines Schneiders zu sparen und weil Handarbeiten ein wichtiger sozialer Bestandteil im Leben von Frauen oberhalb der Arbeiterklasse war. Gleichzeitiggab jedoch auch einen florierenden Handel mit Kleidungsstücken, Maßfertigungen, Hut- und Kurzwarengeschäften und Schuhhändlern. Viele städtische Museen haben in ihren Sammlungen die Werbungskarten oder Ladenschilder ihrer ehemaligen Händler:innen der vergangenen Jahrhunderte. Das British Museum, beispielsweise, führt zahlreiche gedruckte "trade-cards" aus dem 18. und 19. Jahrhundert in der Sammlung. Zahlreiche Quellen dieser Zeit, wie Kupferstiche mit Innenansichten von Geschäften, belegen die Einkaufspraktiken des frühen 19. Jahrhunderts. Es gab gleichzeitig auch einen florierenden Handel mit gebrauchten Kleidungsstücken, da Textilien teuer waren und durch die Gesellschaftsschichten nach unten weitergegeben oder -verkauft wurden, bis sie als Lumpen zu sogenanntem Hadernpapier gekocht wurden. 

 

Quasi alle jungen Mädchen lernten Nähstiche und Stickereitechniken, da diese als Grundfähigkeit angesehen und sowohl für spätere eigene Haushaltungen als auch im beruflichen Umfeld als Gouvernante oder Hausmädchen bedeutend waren. Es haben sich viele Stickereiproben erhalten, in denen Mädchen beispielsweise das Alphabet und Zierornamente stickten. 

Die weißen oder pastellfarbigen Empire-Kleider boten zudem viel Platz für florale Motive und Modezeitungen des frühen 19. Jahrhunderts, so wie Costume Parisien oder dem Journal des Luxus und der Moden, veröffentlichten immer wieder Drucke mit Vorlagen in den Ausgaben.  

Beliebt und edel zur Verzierung eines Kleides war auch Spitze. Spitze zu klöppeln ist sehr aufwendig und erfordert Erfahrung. Dadurch war Klöppelspitze generell sehr teuer und konnte nur von wohlhabenden Damen erworben werden.

 

Kleidersäume Rocksäume verzieren - Regency Empire Mode 19. Jahrhundert (© Epochs of Fashion)
Verschiedene Möglichkeiten, Kleidersäume zu verzieren, wie man sie in Kupferstichen des 19. Jahrhunderts sieht - Regency Empire (© Epochs of Fashion)

Leichte fließende Kleider bedurften weiterer Gewandartikel, um kühlen Tagen zu widerstehen. Durch das Tragen mehrerer Lagen unter dem Oberkleid, sowie warmer Pelisses und Redingotes (Mäntel) wurde die Kälte abgewehrt. Doch in den meist schlecht isolierten und zugigen Häusern war für Diners, Bälle und Abendveranstaltungen ein prasselndes Feuer und die Körperwärme der Anwesenden für ein angenehmes Raumklima nötig. Dessen Bedeutung für die Lebensqualität spiegelt sich in Jane Austens Romanen wider, wo immer wieder vom 'besten Platz am Feuer' die Rede ist. Nicht wenige Frauen erkrankten dennoch an Schwindsucht (Tuberkulose) oder schweren Erkältungen, die sie sich in gutbesuchten Versammlungen wie Bällen geholt hatten und die durch die Natur der Erreger und / oder durch geschwächte Abwehrkräfte den Körper in Mitleidenschaft zogen.   

Die aufkommende Romantik mit ihrem Hang zu Melancholie machte die kränkliche Erscheinung Schwindsüchtiger teilweise gar zur, glücklicherweise nicht sehr verbreiteten, Mode: die Blässe und Schwäche im Gegensatz zu fiebrig glänzenden Augen mit großen Pupillen. In Jane Austens Verstand und Gefühl (Sense and Sensibility) sagt Elinor Dashwood zu ihrer romantisch-sentimentalen Schwester Marianne über Colonel Brandon, der gefütterte Westen gegen die Kälte trägt: "Had he been only in a violent fever, you would not have despised him half so much. Confess, Marianne, is not there something interesting to you in the flushed cheek, the hollow eye, and the quick pulse of a fever?"

 

Ein modischer Schutz vor Kälte war der Spencer. Diese kurze Jacke wurde nach George Spencer, 2nd Earl Spencer (1758–1834) benannt. Der Spencer war oft hochgeschlossen, mit langen Ärmeln und endete direkt unterhalb der Brust. In aller Regel war er für die kühlere Jahreszeit aus wärmenderen Stoff wie Wolle oder Samt. Dennoch gab es auch Spencer für die Sommermonate, dann beispielsweise aus leichterem Tuche und sogar auch als dekorative ärmellose Jäckchen (siehe hierzu beispielsweise Modedruck Costume Parisien, an.7, 71, oder auch einen ärmellosen Spencer in der Sammlung des MET-Museums, Objekt-Nr. 1982.132.3). 

 Illustration Dame in Regencymode ©Epochs of Fashion
Illustration Regencymode ©Epochs of Fashion

Auch wurden Kaschmirschals und Stolen mit großer Begeisterung getragen. Sie wurden importiert und später, aufgrund der wachsenden Nachfage, auch in Europa hergestellt. Besonders das Paisley-Muster war sehr beliebt, womit die schottische Stadt Paisley, die Kashmirschals nach indischem Vorbild herstellte, berühmt wurde. Eingangs in diesem Artikel ist die französische Kaiserin Josephine von Paul Prudhon mit Kaschmirschal portraitiert zu sehen. In Jane Austens Roman Mansfield Park sinnt die wohlhabende Lady Bertram darüber nach, sich von ihrem in der britischen Navy angestellten Neffen William Kaschmirschals von seiner nächsten Reise mitbringen zu lassen, da sie sich diese sehr wünscht. Auch wenn Romane Fiktion sind und daher als Quelle für historische Mode mit Vorsicht zu genießen sind, bildet Jane Austen das Leben ihrer Zeit ab und ihre Beschreibungen mussten für ihre Zeitgenossen wiedererkennbar und nachvollziehbar sein. Daher verweise ich in diesem Artikel immer wieder auf Stellen ihrer Romane, an denen Mode eine Rolle spielt. 

 

Mäntel (in der Form von Mantelkleidern), lange Umhänge und Capes aus Wolle, Merinos und Samt, mit Pelz verbrämt, wurden ebenfalls getragen. Eines dieser Kleidungsstücke, ist die Redingote, ein Mantel nach dem Schnitt eines Empire/Regency-Kleids. Die Redingote wird vorne zugebunden oder geknöpft und ist aus wetterbeständigem Tuch wie Wolle gefertigt. Sie kann mehrere Lagen oder Schultercapes haben um Regen besser standzuhalten. Dies geht aus Modedrucken der Modemagazine des frühen 19. Jahrhunderts hervor. 

 

Nina von Epochs of Fashion in Regencygewandung vor dem Pumproom in Bath
Vor dem Pump Room in Bath ©Epochs of Fashion

Ein Regency-Event steht im Kalender und das Outfit fehlt noch?

Meine Empfehlungen für die Basis-Ausstattung für Regency-Events:


- lange weiße Strümpfe

- schlichte Ballerinas, am besten weiß oder schwarz

- hautfarbene Unterwäsche, damit sie nicht durchscheint

- ein weißes Unterkleid

- ein Tageskleid (ist eine Teilnahme an einem Ball geplant lohnt es sich, ein weißes Kleid zuzulegen damit es für alle Gelegenheiten passt)

- idealerweise auch ein Spencer, doch kommt man anfangs mit einem breiten Schaltuch auch zurecht

- ein Reticule, das Handtäschchen für alle wichtigen Gegenstände wie Mobiltelefon und Geldbeutel

- ein Spitzentuch

- Schmuck wie Ohrringe, eine Kette und eine Brosche für eine größere Detailtiefe - am besten echte Antiquitäten - wie ich sie in meinem Etsy-Shop preiswert anbiete ;) -  Familienerbstücke oder historische Reproduktionen. Historische Kleider für ein Event können schnell etwas klinisch wirken, wenn man Accessoires weglässt. Schmuckstücke und ein Spitzentuch machen viel aus um einem Gewand den Eindruck zu geben, dass es wirklich einem angepasst ist und dass darin 'gelebt' wird.

 

Short Stays als passende Unterkleidung sind natürlich super. In dem Schnürleibchen fühlt man sich gleich noch mehr in die Zeit zurückversetzt und der Busen wird für die Kleidung dieser Zeit richtig angehoben und geformt. Meiner Meinung nach kommt man aber anfangs gut mit einem gut sitzenden BH aus. Ein Schnürmieder kann man selbst nähen oder bei Events vor Ort erwerben und gleich anprobieren. Es sollte wirklich gut sitzen, damit es bequem ist und der Effekt passend ist.

Das Gewand kann man dann natürlich endlos steigern und weitere Artikel hinzfügen - eine Pelisse für kühle Tage, ein Tiara, Reproduktions-Stiefeletten als festeres Schuhwerk, ein Schirm, eine Chemisette zum Einstecken in den Ausschnitt, Hüte, Handschuhe ...

Mehr dazu in meiner Rubrik NÄHPROJEKTE.

 

Textgrafik "Meine Empfehlungen für die Basis-Ausstattung für Regency-Events", Epochs of Fashion

In einer ZDF-Reportage zum Jane Austen Festival Bath 2025 bin ich mit meinen genähten Gewändern zu sehen (und zu hören). Dies war eine großartige Gelegenheit und neue Erfahrung. Das Festival war mal wieder wunderbar dieses Jahr:

Garderobe für den Tag nach der Hochzeit, pinkes Kleid mit Saumdekoration, Costume Parisien, 1822.  - Regency Empire Mode
Garderobe für den Tag nach der Hochzeit, Costume Parisien, 1822.

Hochzeitskleider waren während des Regency/Empire nicht unbedingt weiß. Auch rote, gelbe, blaue, pinkfarbene und hellgrüne Kleider wurden zur Hochzeit getragen, sogar braune. Weniger wohlhabende Frauen trugen das beste Kleid, das sie besaßen. Damen aus gutem Hause ließen sich ihre Kleidung und Teile der Aussteuer extra für die Hochzeit angefertigen, wofür die neuste Mode aus London und Paris herangezogen wurde. In Jane Austens Sense and Sensibility (Verstand und Gefühl) aus dem Jahre 1811 erklärt Mrs Jennings, dass sie genau weiß, dass Marianne Dashwood mit ihr nach London kam um Hochzeitskleider zu kaufen ("on purpose to buy wedding clothes"). Hochzeitskleider konnten somit aus feinster weißer Seide oder aus Musselin sein, jedoch auch aus leuchtend farbigen Stoffen. 

 

Zu diesen Tagen der Feierlichkeit  konnten auch Blumen in die Frisur eingearbeitet oder als Blütenkranz getraten werden, wie dieser Kupferstich zeigt. Dieser Kupferstich aus Costume Parisien von 1822, zeigt (wie es in Französisch darunter steht) 'die Frisur einer Braut am Tag nach ihrer Hochzeit. Die Haare sind mit Rosen und Myrthe verziert, das Kleid ist aus Stoff aus Lyon mit Verzierungen, erfunden von Madame Bouhot'.

 

 

Trauerkleid für den Spaziergang, La Belle Assemblee, 1. März 1820 - Regency / Empire Mode
Trauerkleid für den Spaziergang, La Belle Assemblee, 1. März 1820

Zeiten der Trauer verlangten der Etikette nach spezielle Trauerkleidung. Im frühen 19. Jahrhundert, als Mode noch nicht in Massenproduktion entstand, wurde diese Trauergarderobe extra für die Damen, die es sich leisten konnten, angefertigt. 

 

Die Trauerfarbe für die erste Phase der tiefen Trauer war schwarz, dann konnte man nach und nach zu helleren Tönen wie Grau, Dunkelblau, Lila und Purpur greifen. In Modemagazinen des frühen 19. Jahrhunderts ist Kleidung der späteren Trauerphasen oder für entferntere Verwandte beispielsweise im englischsprachigen Raum als 'Half Mourning' zu erkennen. Während ein Mann nach dem Verlust seiner Frau sich der Etikette nach nur ein paar Wochen zurückziehen und Trauer tragen musste, wurde von einer Witwe erwartet, dass sie sich für geraume Zeit aus der Öffentlichkeit zurückzog.

Generell mussten von allen Familienmitgliedern bestimmte Fristen nach dem Tod eines Verwandten eingehalten werden, bevor beispielsweise eine Hochzeit stattfinden konnte. In  Jane Austen's Emma müssen Miss Fairfax and Frank Churchill nach dem Tod von Franks Tante die drei Monate der tiefen Trauer abwarten, bis sie heiraten dürfen. In Jane Austens Verstand und Gefühl (Sense and Sensibility) bietet Mrs Palmer den beiden Hauptfiguren Marianne und Elinor Dashwood an, sie bei öffentlichen Anlässen zu begleiten, sofern die noch nicht lange verwitwete Mutter der beiden sich nicht öffentlich zeigen möchte.  

 

Mieder, Europa, 1820/1830. Museu del Disseny Barcelona. Foto: Epochs of Fashion - Viktorianische Mode
Mieder, Europa, 1820/1830. Museu del Disseny Barcelona. Foto: Epochs of Fashion

In den 1820ern und 30ern veränderte sich die Silhouette wieder, die Zeit der fließenden Kleider und wenigen Unterkleidung war vorbei. Die Taillenlinie rückte wieder an ihren natürlichen Platz am menschlichen Körper. Die Ärmel, mit Polstern oder Korsettstäbchen geformt, sorgten für eine stark betonte Schulterpartie - hier veranschaulicht von einem Originalexemplar aus dem Museu del Disseney Barcelona. Auch die Röcke wurden im Biedermeier zunehmend steifer und kegelförmiger. Somit ist in diesen Jahren die Entwicklung zu sehen, die den Weg für die markante Viktorianische Mode bereitete.

 

Langsam erhielt die Industrialisierung auch in der Mode Einzug, mit maschinell gewebten Textilien und fabrikfertigen Kleidungsstücken, die die jahrhundertealte Tradition der Maßanfertigung nachhaltig erschütterte. In England setzte mit der Textilfabrik in Cromford (Link zur Webseite des Cromford Mills Museum) eine neue Ära der Massenmode ein. 

Promenadenhauben aus Paris, 1. Juli 1816, La Belle Assemblée
Promenadenhauben aus Paris, 1. Juli 1816, La Belle Assemblée

Haare:

 

Während und nach der Französischen Revolution wurden die Haare in schlichten Hochsteckfrisuren oder sogar als Kurzhaarschnitte wie die coiffure à la Titus, getragen. Diese Kurzhaarschnitte waren auch ein Zeichen der Solidarität mit den Opfern, die sich im Gefängnis der Revolutionäre oft die Haare abgeschnitten hatten, aus hygienischen Gründen oder um im Falle der Guillotinierung den Verwandten ein Andenken in Form einer Haarlocke hinterlassen zu können. 

Im frühen 19. Jahrhundert wurden die Frisuren der antikisierenden Mode angepasst und mit Zöpfen und kleinen Locken um die Stirn getragen. Beim Ausgehen wurde das Haupt von Hauben oder Tüchern bedeckt. Das Bedecken des Haupts war insbesondere für verheiratete Damen zur Wahrung der Etikette essenziell, woher auch die Bezeichnung 'unter die Haube kommen' für die Heirat rührt.  Dennoch wurden Hauben oft auch von Mädchen getragen. In Jane Austens Mansfield Park gibt es im fünften Kapitel eine Unterhaltung von Miss Crawford und den beiden Mr Betrams, in denen sie sich über junge, noch nicht öffentlich beim Debut eingeführte junge Damen und deren übliche Kleidung unterhalten. Dabei werden die züchtigen Hauben angesprochen: "A girl not out has always the same sort of dress: a close bonnet, for instance; looks very demure, and never says a word."

 

'Elisabeth Farren' (irische Schauspielerin), Sir Thomas Lawrence, ca. 1790, Metropolitan Museum of Art. Foto: Epochs of Fashion
'Elisabeth Farren' (irische Schauspielerin), Sir Thomas Lawrence, ca. 1790, Metropolitan Museum of Art. Foto: Epochs of Fashion

Accessoires:

 

Handschuhe waren ein wichtiger Teil der Garderobe von höhergestellten Damen. Im Sommer nahm man zudem einen Sonnenschirm mit, um die Haut mit der angestrebten Blässe zu schützen. Um die Hände im Winter warm zu halten diente ein Muff. Elisabeth Farren, portraitiert von Thomas Lawrence um 1790, trägt ein cremeweißes Cape mit Pelzverbrämung und einen solchen zur Pelzverbrämung passenden Muff

 

Da die feinen Kleider in der Regel keinen Raum für Taschen ließen, mussten die nötigen Dinge kleinen Beuteln mitgeführt werden: den sogenannten Retiküls (Englisch reticule). Diese kleinen Täschchen wurden mit einem Kordelzug verschlossen und kamen in allen möglichen Variationen vor - von einfachen runden oder mehreckigen Schnitten hin zu Retiküls in Form einer Ananas. Zahlreiche Retiküls haben sich in musealen Sammlungen erhalten und können in den digitalen Sammlungskatalogen von Museen studiert werden. 

 

Das Taschentuch war ein wichtiges Accessoire, meist mit Weißstickerei oder Spitze verziert. Viele Taschentücher für den Alltagsgebrauch feiner Damen waren mehr Zierartikel als zur intensiven Verwendung bei einer starken Erklältung wie heute Papiertaschentücher. Ich besitze ein antikes Notizbuch einer englischen Dame von 1794, in dem sie den Kauf von Taschentüchern (pocket handkerchiefs) für 6 Shillings notierte. Dies war eine nicht unerhebliche Summe in dieser Zeit. Zwar gibt sie nicht an, wie viele Taschentücher sie für diese Summe erhielt und notiert auch keine Details zu deren Machart und Zier, doch sind sechs Shillings nicht wenig. Vergleichend aus einer Quelle des frühen 19. Jahrhunderts ist die Unterhaltung von Mr Tilney und Mrs Allen in Jane Austens Mansfield Park, in der er von einer Einkaufstour mit Besorgungen für seine Schwester berichtet: „I gave but five shillings a yard for it, and a true Indian muslin.“ Für den Preis der Taschentücher dieser unbekannten Dame von meinem antiken Notizbuch hätte man also mehr als einen Meter hochwertigen, importierten Kleiderstoff erhalten. 


Wie das Taschentuch war der Fächer ein beliebtes Accessoire. Die Holz-, Elfenbein- und Perlmuttfächer waren mit bemaltem Papier oder Stoff bespannt oder mit Federn beklebt. In London gibt es ein ganz dem Fächer gewidmetes Fan Museum, dessen Besuch ich empfehlen kann. Die Sammlung ist sehr umfangreich und schön ausgestellt, zudem gibt es wechselnde Ausstellungen. 

 

Riechsalz, Essig und ätherische Öle wie Lavendel wurden in hübschen Riechfläschchen mitgeführt, die immer wieder im Kunsthandel auftauchen. Sie wurden bei strengen Gerüchen auf der Straße verwendet, in dem man sich das Fläschchen vors Gesicht hielt und wurden zudem als Hilfe bei Ohmacht angewendet. Durch den scharfen Geruch atmete man automatisch tief ein und komme durch schneller wieder zu sich, so war die Theorie. In Jane Austens Mansfield Park ist Fanny Price von der Hitze des Tages geschwächt und ihre Tanten sprechen über das Riechsalz, welches sie ihr zur Linderung der Kopfschmerzen gegeben haben. 

 

Schnittmuster:

     

  • Janet Arnold, Patterns of Fashion: Englishwomen‘s Dresses and their Construction c. 1660-1860, Drama Book Publishers. 
  • Laughing Moon Mercantile, z.B. LM 132 1800-1825 Petticoat oder LM 138 Kleider
  • Black Snail Patterns
  • Sense and Sensibility Patterns
  • Burda 2493 “Josephine“ [ich habe dieses Schnittmuster verwendet und das Kleid ist sehr schön geworden]
  • Butterick 6630 and 6631 (Kleider)
  • Simplicity 4052 (Unterkleidung)
  • Simplicity 4053 (Unterkleidung)
  • Simplicity 4055 (Empire Regency Kleider)
  • Simplicity 9769 (dieses Schnittmuster ist eigentlich viktorianisch, aber das Hemdkleid könnte man wohl auch als Unterkleid für ein Regency-Kostüm verwenden)

- Die aufgelisteten Schnittmuster sind nicht als Werbung zu verstehen sondern dienen rein informativen Zwecken. Die Liste beansprucht keine Vollständigkeit oder Bewertung -

 

Weiterführende Lektüre zur Kultur und Gesellschaft des 19. Jahrhunderts:

 

Die Briefe der Königin Luise von Preußen.

Die Werke und die persönlichen Briefe von Jane Austen.

James Edward Austen Leigh, Memoir of Jane Austen.

Die Memoiren der Elisabeth Vigee-Lebrun.

Anonym, The Woman of Colour: A Tale (1808). 

Die Memoiren der Harriette Wilson (1786-1845, berühmte englische Kurtisane und sehr gewitzte autobiografische Schriftstellerin). 

Die Memoiren der Baronin von Oberkirch (1754-1789). 

Modezeitschriften des frühen 19. Jahrhunderts, wie beispielsweise das Journal des Luxus und der Moden, als Digitalisate einzusehen oder antiquarisch zu erwerben. 

- viele antiquarische Werke der Zeit sind als Digitalisate verfügbar, z.B. über Bibliotheken, archive.org und Project Gutenberg/gutenberg.org.

 

Caroline de la Motte Fouqué, Geschichte der Moden 1785-1829: Als Beytrag zur Geschichte der Zeit, Aufsätze von 1829/1830, 1987 herausgegeben von Dorothea Böck. 

Alain Schnapp, Die Entdeckung der Vergangenheit, dt. Ausgabe 2009. 

Tristram Hunt, The Radical Potter: Josiah Wedgwood and the Transformation of Britain, 2021.

… so ist es recht und gut: Rezepte von Schillers Schiegermutter Louise von Lengfeld, 2019.

Bernhard Fischer, Johann Friedrich Cotta: Verleger, Entrepreneur, Politiker, 2014.