
In der Kunstgeschichte dauert der Barock von ca. 1600 bis um 1720 an. Barock ist eine Epochenbezeichnung, die erst seit dem 19. Jahrhundert genutzt wird und die Menschen im 17. Jahrhundert fremd gewesen wäre.
Barroco bezeichnet im Portugisischen eine unregelmäßig geformte Perle, woraus die Epochenbezeichnung für den zunehmend elaborierten Stil des 17. und frühen 18. Jahrhunderts abgeleitet wurde.
Der Beginn des Barock ist in den frühen 1600ern angesetzt und die Epoche folgt auf die Renaissance.
Königin Elisabeth I von England verstarb 1603 und mit den Stuarts brach eine Zeitenwende an. In der Kunst wird mit der Geradlinigkeit der Renaissance gebrochen und der für seine Opulenz bekannte Barockstil entwickelte sich, wenngleich auch in manchen Strömungen des Barock dennoch weiterhin ein strenger Klassizismus eingehalten wurde.
In der Mode ist das 17. Jahrhundert hindurch in Gemälden, Zeichnungen und Druckgrafik eine Verschmälerung der Silhouette zu bemerken. Beginnend mit dem tonnenförmigen Reifrock der spätelisabethanischen Zeit verabschiedete man sich im 17. Jahrhundert von diesem. Über modische Eigenheiten wie den Mühlsteinkragen oder den spätbarocken französische Haarputz Fontange hinweg ist die Barockmode vielfältig und keineswegs auf kreideweiß geschminkte Damen mit weißen Perrücken zu reduzieren.
Eine besonders faszinierende Quelle der Zeit sind die Briefe der Elisabeth Charlotte (1652–1722), Liselotte von der Pfalz genannt. In Heidelberg aufgewachsen und an den französischen Hof verheiratet sind ihre Schriften voller unverblümter Blicke auf ihr Leben, ihre Zeit und Zeitgenossen. In England ist das Tagebuch des Samuel Pepys ein spannendes Zeitzeugnis.

Besonders in Flandern und den hanseatischen Regionen brachte internationaler Handel großen Wohlstand ins kaufmännische Bürgertum, was sich in der Kleidung widerspiegelte.
Rubens portraitierte sich und seine Ehefrau Isabella im Jahre 1609. Isabella Robens' Kleid trägt noch viel Spätrenaissancemode in sich - im Oberteil mit dem sehr langen Stecker und dem vollen Rock. Jedoch wurde der tonnenförmige spanische Reifrock bereits abgelegt zugunsten von Hüftrollen. Zwei Unterröcke trägt sie, einen aus blauem Stoff und darüber den roten Rock mit Goldborte.
Ihr Mühlsteinkragen ist perfekt gestärkt und mit teurer Spitze verziert. Der große Hut dieser Mode war der Männermode entlehnt.

In die 1630er hinein legte die Mode die gewisse Steifheit der Renaissancekleidung zunehmend ab. Besonders bemerkenswert ist die hohe und gerade verlaufende Taillenlinie der Zeit der englischen Königsgemahlin Henrietta Maria. Wie im Empire-Stil um 1800 rutscht die Taillenlinie im Kleiderschnitt Richtung Büste. Die Ärmel sind in ihren Portraits voll und voluminös, der Mühlsteinkragen ist zugunsten des Vandyke-Kragens abgelegt. Dieser fällt über die Schultern und betont die natürlich-fließende Linie.
Die Schnitte der Kleider waren zu jeder Zeit trotz der vorherrschenden Mode der Höfe letztendlich so individuell wie ihre Trägerinnen und Pragmatismus war in der Kleidung im täglichen Leben erforderlich.


Mit den Jahrzehnten wandelte sich die Mode weiter. Die hohe Taillenlinie sank wieder und der Stecker wurde stark verlängert. Die Betonung der Schulterpartie verstärkte sich durch einen Carmen-Ausschnitt in den Kleidern. Dies zeigt uns beispielsweise
Hieronymus Janssens "Charles II Dancing at a Ball at Court."
Die Damenmode wird zunehmend zu sich auf der Spitze treffenden Dreiecken: Schultern - Taille - weiter Rock. Der Mühlsteinkragen wurde bereits zugunsten des Vandyke-Kragens abgelegt. Dieser wandelt sich nun ebenfalls weiter und wird zu einem breiten Spitzenband, welches am horizontalen Ausschnitt befestigt ist (ähnlich der viktorianischen Berthe/Bertha). Die Ärmel sind noch weit geschnitten und zum Handgelenk verängt, nun jedoch nicht mehr so kugelfärmig wie noch in den 1630ern.
Die Damenmode wird zunehmend zu sich auf der Spitze treffenden Dreiecken: Schultern - Taille - weiter Rock. Der Mühlsteinkragen wurde bereits zugunsten des Vandyke-Kragens abgelegt. Dieser wandelt sich nun ebenfalls weiter und wird zu einem breiten Spitzenband, welches am horizontalen Ausschnitt befestigt ist (ähnlich der viktorianischen Berthe/Bertha). Die Ärmel sind noch weit geschnitten und zum Handgelenk verängt, nun jedoch nicht mehr so kreisrund wie in den 1630ern.
Jan Vermeers Werke lassen intime Blicke in Interieurs zu und weisen eine Reihe häuslicher Kleidungsstücke auf.
Das Matinee ist eine lose geschnittene Hausjacke, die uns Vermeer mehrfach in Sonnengelb mit Hermelin verbrämt zeigt.
Das Barock als Zeitalter der weißgepuderten Perrücken ist ein Klischee, welches sich effektiv hält aber wenig wahren Hintergrund in der Wissenschaft und Geschichte
hat. Das Pudern der Haare erlebte seinen Höhepunkt erst viel später Mitte der 1700er unter Ludwig XV. und dann unter Ludwig XVI. in Frankreich. Im Barock waren die Haare noch ungepudert und
wurden auch noch nicht aufgetürmt sondern in eine Mischung aus Löckchen und zurückgebundenen Partien frisiert.

Schuhe:
Der in der Renaissance aufgekommene Absatz bleibt in der Schuhmode des Barock erhalten und ist, neben erhaltenen Schuhen,
auch immer wieder in Gemälden zu sehen. Pantoletten für zuhause und Straßenschuhe standen zur Auswahl. Um das Schuhwerk zu schützen wurden Überschuhe aus Holz, Leder oder Eisen
getragen. Man schlüpfte in diese Plateauschuhe mit dem Schuh hinein, schnallte sie fest und war dadurch vor Schlamm und Dreck auf der Straße geschützt.

Kosmetik:
Entgegen der popkulturellen Darstellung des Barocks als eine Zeit der kreideweiß geschminkten Menschen mit stark durch Rouge geschminkten Wangen, war das Barock in Wirklichkeit viel natürlicher.
Hautpflege wurde mit natürlichen Essenzen, Fetten und Ölen vorgenommen. In der Natur gibt es diverse Pflanzen mit antibakteriellen Eigenschaften, was bekannt war und gezielt eingesetzt wurde. Doch gegen Narben der Pocken ließ sich wenig tun. Die Pockenepidemien zogen immer wieder durch die barocken Gesellschaften und die Überlebenden trugen oft sichtbare Narben davon. Kleine schwarze Samt-Pflästerchen, die mouches, wurden auch genutzt, mit Fett oder Eiweiß auf die Haut geklebt.
Make-up, in bester Qualität leider aus Bleiweiß gemacht (Ceruse), wurde eingesetzt, vermutlich jedoch nur von einem eher kleinen Kreis von Fashionistas. Die toxische Wirkung des Ceruse war relativ bekannt, doch hinderte dies manche Frauen nicht. Eine tragische Biografie hierzu ist das Leben der britischen Maria Gunning, die wissentlich toxische Kosmetik verwendete und (vielleicht dadurch) im Alter von nur 27 Jahren verstarb. Ihre Schönheit wurde öffentlich gerühmt und ermöglichte ihr den sozialen Aufstieg durch die Heirat mit George Coventry, the Earl of Coventry, in 1752, doch hatte die Nutzung von Make-up vermutlich sehr ungesunde Auswirkungen auf sie.
Schmuck:
Vermeers "Mädchen mit dem Perlenohrring" ist Zeugnis der großen Beliebtheit von Perlen. Als Eliabeth Stuart von England nach
Heidelberg heiratete, erhielt sie offenbar von ihrer Mutter mehrere Stränge kostbare Perlen, denn sie trägt in ihren Portraits Perlenketten und ihre Mutter Anne of Denmark hatte außergewöhnliche
Perlenstränge. Nicht zuletzt durch den Kolonialismus und die Erschließung neuer Gebiete, in denen Perlen, Edelmetall und Edelsteine vorkamen, erfreute sich Schmuck an den Höfen und im gehobenen
Bürgertum großer Beliebtheit und bot eine breite Auswahl.
Bei Hofe kam zur Verzierung der Kleider das "devant de corsage" auf. Diese große Brosche, dreieckig nach unten spitz zulaufend und damit der Form der Schneppe am Oberteil folgend, aus Edelmetall und echten oder unechten Diamanten, wurde vorne am Kleid befestigt. Besonders im Kerzenlicht schimmerte das devant de corsage bei jeder Bewegung der Trägerin.
Schnittmuster:
Nehelenia Patterns NP 800 1660s Gown Pattern
Nehelenia Patterns NP E801 17th Century (Baroque) Stays or Pair of Bodies Sewing Pattern.
Janet Arnold, Patterns of Fashion 3: The Cut and Construction of Clothes for Men and Women c. 1560-1620.
LINK zu meinem selbstgenähten 1630er Barockkleid.
Weiterführende Lektüre zur Mode und Gesellschaft des Barock:
Die Briefe der Liselotte von der Pfalz (1652-1722).
Die Tagebücher des Samuel Pepys.
- viele antiquarische Werke der Zeit sind als Digitalisate verfügbar, z.B. über Bibliotheken, archive.org und Project Gutenberg.
Verity Isitt, Take a Buttock of Beefe (Buch zur Geschichte der Kulinarik inkl. Originalrezepte).
Mary Edmond, Hilliard and Olivier: Leben und Werk zweier großer Miniaturisten, 1983.
Richard T. Spence, Lady Anne Clifford.
Katie Hickman, Courtesans.
