Die Mode des Rokoko

Madame de Pompadour, Francois Boucher, 1756, Neue Pinakothek München. Foto von Nina Möller - Mode Kleidung Rokoko
Madame de Pompadour, Francois Boucher, 1756, momentan/Dez 2014 Neue Pinakothek München. Foto von Nina Möller

Heute ist "Rokoko" ein feststehender Epochenbegriff für die Zeitspanne vom Ende des Barock 1715 bis zur Französischen Revolution. Im 19. Jahrhundert stand "Rokoko" jedoch für Extravaganz und Sittenlosigkeit. Das Rokoko war bei Hofe eine Zeit der Lebensfreude und der verfeinerten Lebensart. Nicht, dass jeder sein Leben immer genoss, aber in Büchern wie den Memoiren Herzog Emmanuel de Croys wird deutlich, dass die Hofgesellschaft nach Zerstreuung strebte. Der Beginn dieses unglaublich detaillierten, verzierungsreichen Stils war die Thronfolge Ludwigs XV. im Jahre 1715. Frankreich war das Vorbild in Sachen Kunst und Zeremoniell für alle Höfe in Europa. Es war auch die Epoche der frühen Aufklärung, vorangetrieben durch Philosophen wie Voltaire und Rousseau.

 

Man trug Taft, Atlas, Damast, Brokat und leichtere Stoffe wie Seide,  Chintz und Baumwolle. Farben trugen so bizarr-amüsante Namen wie "Caca Dauphin" ("Der K** des Thronfolgers", wie nicht weiter verwunderlich ein Gelbbraunton), "Feu d'Opéra" (ein Rot, benannt nach dem verheerenden Brand im Pariser Opernhaus 1781) und - noch einen weil sie so absurd sind - "Cardinal sur la paille ("Der Kardinal im Stroh"). Heute würde es Unmut wecken, wenn eine Königin eine Farbe nach einer kürzlich passierten Tragödie benennen würde, doch im 18. Jahrhundert war das entweder kein Problem oder passte sich in den Augen der Menschen in die Unbeliebtheit Marie Antoinettes ein.

 

Robe à la Francaise, 18. Jahrhundert, Museo di Palazzo Mocenigo, Venedig. Foto von Nina Möller
Robe à la Francaise, 18. Jahrhundert, Museo di Palazzo Mocenigo, Venedig. Foto von Nina Möller

Nachdem ein weit geschnittenes Kleid, die Robe volante, Mode war, unterlief sie mehreren Änderungen. Nach und nach entwickelte sich daraus die berühmte Robe à la Francaise, "das Kleid nach der Art der Franzosen". Während der Rock bei der Robe Volante noch kegelförmig geschnitten war, wurde er mit der Zeit an den Seiten breiter und breiter und gleichzeitig vorne und hinten flacher. Diese Form erreichte man mithilfe von Reifröcken oder Paniers, die sogar große Taschen zum Verstauen von Gegenständen enthielten. In extremen Fällen bei Hofe nahm er die Form eines riesigen Rechtecks an. Dies zwang die Trägerinnen dazu, seitwärts durch enge Durchgänge zu gehen, gleichzeitig gab es ihnen jedoch eine zumindest räumlich eine bemerkenswerte Präsenz.

 

Den Rücken der Robe Volante und der Robe à la Francaise dominieren große Falten, die am Halsausschnitt ansetzen.

Darunter verborgen liegt eine Schnürung, damit es um die Taille herum eng anliegt.  Die eigentliche Öffnung des Kleides, wie bei allen Kleiderstilen des Rokoko, war aber vorne! Deshalb sollte man beim Nachschneidern solcher Kleider daran denken, hinten keinen Reißverschluss einzusetzen. Lieber unter dem Stecker verborgen, seitlich oder einfach nur Haken- und Ösenband vorne unter einer Borte verstecken.

 

Zwei Varianten des Paniers, Reifröcke, Rokoko, Mode des 18. Jahrhunderts (© Nina Möller)
Zwei Varianten des Paniers, Reifröcke, Rokoko, Mode des 18. Jahrhunderts (© Nina Möller)

Über das Hemd kam das Korsett. Es wurde hinten spiralförmig mit einer Kordel geschnürt, die am unteren und oberen Ende festgeknotet wurde. Heute neigt man, wie bei den Schuhen, zum kreuzweisen Schnüren, akkurater ist jedoch das spiralförmige.

 

Dem Korsett folgten die sperrigen Reifröcke. Darüber trug man rückseitig das sogenannte cul de Paris, ein ausgestopftes Kissen. Damit sich die Paniers unter dem Kleid nicht abzeichneten, zog man über sie mehrere Unterröcke.

Nun folgte der eigentlich sichtbare, lange Jube. Man schnürte diesen oftmals prächtig verzierten Rock um die Taille. Dort hat er zwei ca. 20cm lange Schlitze, damit man die Hände in die Taschen stecken kann. Der Manteau ist das Überkleid, doch er ist vorne offen, wo der Stecker mit Nadeln auf dem Korsett oder mit Haken am Manteau befestigt wird. Beim Nachnähen solcher Rokoko-Kleider ist es praktischer, wenn auch weniger authentisch, wenn man den Stecker fest mit dem Kleid vernäht.

Besticker Rokoko-Stecker mit Laschen zur Befestigung auf dem Korsett, 1700-25, V&A Museum (flickr, Foto von moorina)
Besticker Rokoko-Stecker mit Laschen zur Befestigung auf dem Korsett, 1700-25, V&A Museum (flickr, Foto von moorina)

 

Der Manteau und der Rock waren üblicherweise aus dem selben oder aus kontrastierendem Stoff und reich mit Rüschen und Stickerei verziert.

 

Anfangs wurden Schleifen nur am Ausschnitt getragen und der Stecker war mit Stickerei dekoriert. Doch mit der Zeit platzierte man nach unten kleiner werdende Schleifen aufgereiht auf dem Stecker. Madame de Pompadour war eine besondere Anhängerin dieser Mode, wie man auf mehreren Bildern von ihr aus den 1750ern sehen kann.

 

 

 

Engageants einer Robe à l'Anglaise, Bayrisches Landesmuseum. Mode des Rokoko. Foto: Nina Möller
Engageants einer Robe à l'Anglaise, Bayrisches Landesmuseum. Mode des Rokoko. Foto: Nina Möller

Die engen Ärmel reichten bis zum Ellenbogen, wo sie mit großen Rüschen feinster Spitze oder gerafftem besticktem Stoff abschlossen. Diese nicht fest am Kleid angenähten Zierrüschen heißen Engageants.  

1790, Journal des Luxus und der Moden, Rokoko Kleid Robe à l'Anglaise, Foto: Nina Möller
1790, Journal des Luxus und der Moden, Robe à l'Anglaise, Foto: Nina Möller

In England entwickelte sich die Robe à la Francaise weiter und es kam eine neue Mode auf, die als Robe à l'Anglaise berühmt wurde.

 

Dieses Kleid wurde ohne Reifröcke getragen, die breiten Falten am Rückenteil der Robe à la Francaise waren weggefallen. Auch gab es keinen Stecker mehr, stattdessen wurde das enge Oberteil des Manteaus vorne mit Haken und Ösen oder einer Schnürung geschlossen. Das untere Ende des Oberteils war nun vorne und im Rücken spitz zulaufend.  Schnell schwappte diese Mode von England nach Kontinentaleuropa über, wo die Robe à l'Anglaise ab 1770 getragen wurde und schnell die unbequemere Robe à la Francaise als bevorzugtes Kleid verdrängte.

 

 

 

Gewänder des Rokoko, 18. Jahrhundert, Museo di Palazzo Mocenigo, Venedig. Foto von Nina Möller
Gewänder des Rokoko, 18. Jahrhundert, Museo di Palazzo Mocenigo, Venedig. Foto von Nina Möller
'Comtesse de la Chartre', Louise Elisabeth Vigee-LeBrun, 1789, The Metropolitan Museum of Art. Foto: Nina Möller - Mode Rokoko
'Comtesse de la Chartre', Louise Elisabeth Vigee-LeBrun, 1789, The Metropolitan Museum of Art. Foto: Nina Möller

Marie Antoinette brachte die Gaulle oder Chemise à la Reine mit einem Schlag in Mode, als sie sie auf Elisabeth Vigee-Lebruns Portrait von ihr trug. Die Seidenweber und -händler schrien sie ruiniere die Wirtschaft Frankreichs, das Volk hielt das Gemälde für zu informell und das Kleid schlicht für Unterwäsche. Die Chemise à la Reine ist ein fließendes Kleid aus mehreren Lagen weißen Musselins, mit einer farbigen Schärpe gebunden. Die Ärmel waren entweder enganliegend,weit und zu Puffärmeln gebunden.

Journal des Luxus und der Moden, c. 1788, Rokoko-Kleid mit Fichu, Foto: Nina Möller
Journal des Luxus und der Moden, c. 1788, Kleid mit Fichu, Foto: Nina Möller

Für da Alltagsleben außerhalb des höfischen Zeremoniells wurde ein leichtes Tuch, Fichu genannt, getragen. Dieses war normalerweise weiß, wurde um den Hals gelegt und vorne in den Ausschnitt gesteckt.

Für Reisen und Reiten zu Pferde trug man einen Rock aus festerem Material und eine Jacke, öfters mit Kapuze und mit Fischbein verstärkt. Dieser Rock und die Jacke waren manchmal leicht gefüttert und in Rauten oder floralen Mustern gesteppt. Zum bequemeren Tragen war die Jacke nur vorne spitz zulaufend, hinten war die Taille waagrecht. Ihre Schöße waren meist 20 bis 30cm lang.

 

Detail from Madame de Pompadour, Francois Boucher, 1756, Neue Pinakothek München. Foto: Nina Möller
Detail aus: Madame de Pompadour, Francois Boucher, 1756, Neue Pinakothek München. Foto: Nina Möller

Schuhe:

 

In der Zeit des Rokoko trug man Schuhe mit hohen Absätzen und sehr spitzen Zehen.

Man machte in der Fertigung noch keinen Unterschied zwischen dem rechten und dem linken Fuß, was nach einem langen Tag zu Schmerzen geführt haben muss. 

Besonders elegant war es für Damen (und Herren), die Schuhe aus dem selben Stoff wie die Kleidung fertigen zu lassen. Also hatte man in der Regel ein paar Schuhe zu jedem Outfit, der Zeit entsprechend mit Louis-Absatz, einem taillierten Absatz. Die Schuhe waren entweder zum Reinschlüpfen, wie Madame de Pompadours, oder wurden mit Spangen geschossen.

 

 

Schuh des Rokoko, 18. Jahrhundert, Mueo Correr, Venedig. Foto von Nina Möller
Schuh des Rokoko, 18. Jahrhundert, Mueo Correr, Venedig. Foto von Nina Möller
Königin Marie Antoinette mit ihrer hohen "pouf"-Frisur (flickr, Abb. von Raphael Labbé)
Königin Marie Antoinette mit ihrer hohen "pouf"-Frisur (flickr, Abb. von Raphael Labbé)

Haare: 

 

Am Anfang des Rokoko trug man die Haare noch nicht aufgetürmt. Auch in der Öffentlichkeit trug man noch keinen Puder, denn gesundes glänzendes Haar wurde stolz gezeigt.

 

In den späten 1760er Jahren und den frühen 1770ern wurden die Frisuren immer höher; aufgetürmt über Drahtgestellen, mit Haarteilen ausgefüllt, gepudert und verziert (mit allem, von künstlichen Blüten bis zu Miniaturportaits und Federn.

1774 beeindruckte Marie Antoinette den französischen Hof mit ihrer "pouf"-Frisur, die sozusagen der Vorfahre des Bienenkorbs im 20. Jahrhundert war. Ein "pouf" der in die Annalen der Kostümgeschichte einging, war Marie Antoinettes Frisur nachdem das französische Kriegsschiff “La belle poule” 1778 die Briten besiegte. Sie trug ein Modell des Schiffs auf dem Kopf, was sofort von anderen Adligen übernommen wurde.

In den 1770ern sorgte Georgiana Spencer-Cavendish, Herzogin von Devonshire, mit ihrer 90cm hohen Frisur voll von künstlichen Blumen und Vögeln. Mit solch einem Konstrukt auf dem Kopf war eine Kutschfahrt nur möglich, wenn man sich auf den Boden zwischen die Sitze setzte. Eine weitere extravagante Kreation Georgianas waren über einen Meter lange Straußenfedern, die bei jeder Kopfbewegung wippten.

 

Mrs. Thomas Hibbert, Thomas Gainsborough, 1786, Neue Pinakothek München. Foto: Nina Möller - Rokoko Mode Frisur
Mrs. Thomas Hibbert, Thomas Gainsborough, 1786, Neue Pinakothek München. Foto: Nina Möller

Bereits gegen Ende der 1770er Jahre wurden die turmhohen Frisuren wieder niedriger und wurden dann durch voluminöse Locken ersetzt, die rings um das Gesicht platziert wurden. Einige Strähnen fielen dabei auf die Schultern und den Rücken herab.

Diese neue Mode kombinierte man mit Hüten mit sehr weiten Krempen.

In Gemälden, die Georgiana Cavendish, Herzogin von Devonshire, zeigen sind diese Frisuren zu sehen. Ebenfalls in Thomas Gainsboroughs Portrait von Mrs. Thomas Hibbert.

Zu ihrer Chemise a la Reine, die sie in den 1780ern aufbrachte, trug Marie Antoinette ihre Haare ebenfalls lockig und darauf einen großen Strohhut mit hellblauen Bändern und Straußenfedern.

 

Diese Lockenmode blieb bis in die 1790er erhalten, dann machte sie niedrigeren Frisuren mit kleinen Löckchen und Zöpfen Platz.

 Schnittmuster:

  • Burda 2447 (Kleid A: in etwa eine Robe à la Polonaise, B: à la Francaise)
  • Simplicity 3635 (Rokoko Unterkleidung und Reifrock)

  • Simplicity 3637 (Robe à la Francaise)

  • Simplicity 4092 (Kleider. NÄHPROJEKTE)

  • Nehelenia Patterns np20 1790s (Schnitt für eine Jacke)

  • Nehelenia Patterns np21 1790s (Schnitt für eine Redingote)

 

- Bitte beachten: die aufgelisteten Schnittmuster sind nicht als Werbung zu verstehen sondern dienen rein informativen Zwecken. Die Liste beansprucht keine Vollständigkeit oder Bewertung -

 


© Nina Möller