'Princesse de Broglie', Jean Auguste Dominique Ingres, 1853, The Metropolitan Museum of Art. Foto: Nina Möller - Viktorianische Mode Kleidung 19. Jahrundert
'Princesse de Broglie', Jean Auguste Dominique Ingres, 1853, The Metropolitan Museum of Art. Foto: Nina Möller

Das Kapitel zur Mode in der Viktorianischen Zeit, also in der zweiten Hälfte des 19. Jahrundets, zu schreiben ist nicht einfach.

Nicht mehr ein Königshof oder die Hauptstadt dominierte die Modelandschaft, sondern durch die Industralisierung und Modezeitschriften wie Harper's Bazaar (Erstausgabe 1867) verbreiteten sich immer neue Details und Stile rasend schnell.

Die Silhouette wandelte sich mehrfach radikal innerhalb weniger Jahrzehnte - hin zum kreisrunden Rock der Krienoline der 1850er, dann zur hinten aufbauschenden Turnüre der 1870er und schließlich zur S-Silhouette mit großen Puffärmeln und Glockenrock zum Fin de Siècle der 1890er.

 

Nachdem in den 1860er Jahren der Amerikanische Bürgerkrieg wütete, wird diese Zeit auch Civil War Era genannt.

 

Allgemeine Modenzeitung, Nr. 6, 1850 (?). Foto: Nina Möller  - Victorian fashion era Mode Kleid
Allgemeine Modenzeitung, Nr. 6, 1850 (?). Foto: Nina Möller

In den 1850er Jahren ermöglichte der Krinoline genannte glockenförmige Unterrock, verstärkt mit Stahlreifen, den riesigen Umfang des Rocks.Den maximalen Durchmesser des unteren Rocksaums erreichte die Krinoline mit fast 5m in den späten 1850ern.

Oft war der Rock zusätzlich gerüscht, was ihn noch voluminöser machte und optisch in die Breite zog.

Während die Kleidung für tagsüber langärmlig und hochgeschlossen war, trug man abends breite U-Boot- oder Carmen-Ausschnitte, die die Schultern zeigten.

Les Modes Parisiennes, ca. 1850. Ballkleider. Foto: Nina Möller
Les Modes Parisiennes, ca. 1850. Ballkleider. Foto: Nina Möller

In den 1860ern hatte die Krinoline ein so gigantisches Ausmaß angenommen, dass einfache Operationen wie eine Tür passieren nicht einfach waren. Nachdem Krinolinen aus Reifen bestehen kann man sie jedoch einfach anheben, zum Beispiel wenn man sich hinsetzt.

Der Oberkörper wird gepolstert und ausgestopft wie erhaltene Beispiele zeigen, damit der Oberstoff glatt liegt und sich nicht wölbt, und um die gerundete Silhouette zu erhalten. Das, zusammen mit dem riesigen Rock, lässt auch die Taille besonders klein wirken. Nur sehr wenige Frauen schnürten sich tatsächlich (unbequem) eng, in der Regel reicht der große Rock und der gepolsterte Oberkörper mit der Betonung der Schulterpartie um durch optische Illusion die Taille ganz schmal wirken zu lassen. Daher sind popkulturelle Mythen wie das in Ohnmacht fallen oder das Verschieben von Organen falsch. Stattdessen stützen sich diese Mythen auf Extrembeispiele wie Kaiserin Sisi und ihren Schlankheitskult. Auch heutzutage gibt es natürlich Menschen die durch Kleidung oder OPs ihren Körper über das Normalmaß heraus verändern aber das bedeutet nicht, dass die Mehrheit aller Frauen das ebenfalls macht. Ohnmacht ist in heißen Sommermonaten denkbar und aus dem 18. Jahrhundert gibt es Berichte von Frauen die durch die Stofflagen überhitzten (da hilft Leinen da es die Körpertemperatur reguliert und Feuchtigkeit aufnehmen und abgeben kann). Die Verschiebung von Organen ist jedoch bei normalem Schnüren (das Korsett ist nur so eng dass es den Körper umhüllt, nicht einzwängt) nicht möglich. Berichte aus viktorianischer Zeit über solche Vorfälle zeigen dass die Schreiber aufgrund von Moralabsichten die Mode generell als frivol abtaten. Absätze wurden von Medizinern verunglimpft da sie das Herausfallen der Gebärmutter und Hysterie auslösen könnten (kein Scherz!). Insofern ist viel auf Unwissen und einen gewissen Sexismus zurückzuführen.

 

Um Überhitzen im Sommer zu vermeiden konnte man zum Tarlatan greifen, einem leichten Kleid aus weißer Baumwolle oder Leinen. Mithilfe von Bändern konnte man Farbakzente setzen.

Hervorragend zu sehen ist diese Mode in Claude Monets 'Frauen im Garten' v0n 1866. 

Viktorianische Turnüre, Otago Museum Dunedin, New Zealand. Foto: Nina Möller - Mode Kleid
Viktorianische Turnüre, Otago Museum Dunedin, New Zealand. Foto: Nina Möller

Gegen Ende der 1860er wurde die Krinoline von der Turnürenmode ersetzt. Die Silhouette war nun ein flacher langer Rock vorne, aber hinten ab der Taille ein weiter Rock mit starker Betonung der Hüftpartie. Diese Mode blieb bis in die 1880er. Geschaffen wurde dieser Stil durch die Turnüre oder durch Hüftkissen die über dem Korsett um die Taille gebunden wurden und den Rock über dem Gesäß formten und aufbauschten. Ein gutes Beispiel, das diesen Stil überstilisiert aber anschaulich verdeutlicht, ist George Seurat's 'Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte', 1884 - 1886.

 

In den 1870ern erfreute sich das Teekleid großer Beliebtheit. Es war eine Mischung aus einem schicken, aufwändig dekoriertem Kleid aber mit bequemerem Schnitt. Die Gastgeberin trug es, wenn sie andere Damen zum Tee empfing.

 

Die 1890er waren beeinflusst vom Jugendstil und die Kleider wurden fließender, weniger geometrisch und Naturmotive dominierten Stickerei und Stoffmuster. Die S-Kurve der Zeit wurde durch Ausstopfen des Oberteils erreicht, nicht notwendigerweise durch ein Korsett das den Körper in diese Form quält wie oft angenommen. Über dem Korsett wurden Hemdchen mit Rüschen getragen, welche die charakteristische Taubenbrust erzeugten ohne den Körper zu verformen. Das House of Worth, gegründet von Charles Worth, dominierte die Modeszene der Zeit und erschuf viele der beeindruckendsten Kleider dieser Ära.

 

Schnittmuster:

  • Izabela Pitcher (führt Prior Attire), The Victorian Dressmaker
  • Burda 2768 (Biedermeier, erinnern mich vom Stil her an Jane Eyre)
  • Burda 7466 (Biedermeier, Louis Philippe)
  • Burda 7880 (heißt 'History 1888', Wilhelminisches Kleid)
  • Butterick 4540
  • Butterick 5543
  • Butterick 5696
  • Butterick 6694 Historical
  • McCall's 3597
  • McCall's 3609 (Unterkleidung inkl. Krinoline)
  • McCall's 5129 (Hauben)
  • Simplicity 1818 (ca. 1850-1860; Kleider)
  • Simplicity 2172/7532 (Steampunk-Kleider)
  • Simplicity 2881/7320 (erinnert mich an eine gewisse österreichische Kaiserin)
  • Simplicity 2887/ 7318 (Civil War Era-Kleider, ca. 1850)
  • Simplicity 2890 (Unterkleidung)
  • Simplicity 3727 (Civil War Era)
  • Simplicity 3855 (Civil War Era)
  • Simplicity 4400 (Civil War Era)
  • Simplicity 4510 (Civil War Era dress, described as 'Silk Calling Dress Civil War Era' on pattern)
  • Simplicity 7216 (Unterkleidung inkl. Krinoline)
  • Simplicity 9764 (Unterkleidung inkl. Krinoline)
  • Simplicity 9769 (Unterkleidung)

 - Die aufgelisteten Schnittmuster sind nicht als Werbung zu verstehen sondern dienen rein informativen Zwecken. Die Liste beansprucht keine Vollständigkeit oder Bewertung -